Google kann man nur auf Augenhöhe schlagen

Dienstag, Juni 30, 2009
By Stephan Noller

Hubert Burda hat heute in der FAZ (“Wir werden schleichend enteignet”) dafür argumentiert, die Erlöse aus der Online-Vermarktung zwischen den Suchmaschinen und den Contentproduzenten neu zu verteilen. Konkret fordert er sogar den Eingriff des Gesetzgebers und die schnelle Etablierung eines Leistungsschutzrechtes. Idee dabei ist, dass der Produzent von Content (also der Verleger) relativ weitgehend kontrollieren und definieren kann wer davon in welcher Weise partizipieren darf. So könnte man also Google dazu zwingen bestimmte Gebühren abzuführen an die Verlage da Google ja bekanntlich keinen eigenen Content produziert, in seinem Geschäftsmodell aber in vielerlei Hinsicht davon profitiert, dass an anderer Stelle Content produziert wird.

Burda bezog sich in seiner Analyse vermutlich sogar nur auf das bisherige Offering von Google und Co, also noch ohne „interest based advertising“ aka Behavioral Targeting. Denn dieses hat Google ja kürzlich gestartet und es wird die Situation nochmals verschärfen. Denn nun „saugt“ Google wirklich in zahlreichen Stellen den Content ab indem Kontakte von Usern mit diesem Content nicht direkt für die Werbeverwertung, sondern nur zum Aufbau von Profilen verwendet werden. Damit wird die Sache noch mehr entkoppelt als schon bisher – jetzt bleibt es völlig der Suchmaschine überlassen was mit diesen Daten passiert und wo und zu welchen Preisen eine Monetarisierung stattfindet.

Es kann in Zukunft also passieren, dass Google gut performende Kampagnen für Automobilkunden in seinem Content-Network anbieten zu sehr attraktiven Preisen – und tatsächlich handelt es sich um von Burda-Journalisten veredelte Profile die diese hochwertige Verwertung erst ermöglichen. Nur leider wird die Werbung gar nicht auf Burda-Seiten angezeigt sondern an günstigeren Orten, vielleicht sogar mit besseren Kontaktdosen usw.

Das ist in der Tat bitter – der Befund fiele auch ohne Medienkrise nicht anders aus.

Allerdings stört mich ehrlich gesagt die Schlussfolgerung von Herrn Burda.

Aber vielleicht erst nochmal ein kleiner Exkurs: Warum ist Google eigentlich so verdammt erfolgreich? Beschäftigen sie Heerscharen von Lobbyisten oder Horden von Power-Vertrieblern? Drücken sie Ihre Produkte den Content-Anbietern unter Vorwänden rein um später abzukassieren? Oder sogar noch weitergehend: Warum nutzen verdammt nochmal so viele User Google um Infos zu einem Auto zu finden und gehen nicht direkt zu focus.de? Ich glaube es ist wichtig sich die Antwort immer wieder mal klarzumachen: Der Google Erfolg ist einzig und allein der exzellenten Produkt-Qualität geschuldet! Daher besuchen so viele User Google, daher nutzen fast alle (auch die Websites von Burda) die Werbetools von Google und leben häufig davon. Googles Werbeprodukte sind transparent und performen in vieler Hinsicht sehr gut (insbs. natürlich AdSense, die Content-Ads sind in den letzten Jahren eher durchschnittlich gewesen). Google gelingt es in absolut herausragender Weise das Internet zu „verstehen“ und dafür passende Produkte anzubieten. Wenn man sich z.B. den Adplanner ansieht oder das neue Targeting-Modul – das sind einfach gute Produkte. Und Google hat vor allem eines immer richtig gemacht was den Verlegern und klassischen Vermarktern noch heute extrem schwer fällt – es hat das Internet immer als Netz verstanden. Google-Werbung kennt keine Vermarktergrenzen – und erschliesst damit viel konsequenter Wege dem Nutzer online mit Werbung zu folgen als es alle anderen Player bisher vermocht haben.

Natürlich hat Google auch Schwächen von denen ich zwei herausheben möchte. Sie sind extrem gut darin zu messen was Leute online tun und daraus Werbung zu steuern. Das fing mit der Suchmaschine an, ging über Content-Ads weiter und hat gerade mit dem Interest Based Advertising einen neuen Höhepunkt gefunden. Problem ist: nicht alles was für Steuerung von Werbung relevant ist kann man online messen. So kann Google bis heute keine effiziente Werbung für Konsumgüter anbieten – es sucht keiner danach. Aber auch andere „intelligentere“ Segmente gibt es nicht beim Giganten – wenn z.B. ein Automobilhersteller seine Werbung gerne nur Usern anzeigen möchte die derzeit überlegen ein Auto zu kaufen wird es für Google auch eng.

Die zweite Schwachstelle im Google-Ansatz liegt genau in dem was Burda hervorgehoben hat: Google produziert keinen Content. Sie haben keine Journalisten und Redakteure. Google ist wahnsinnig schnell darin zu „berichten“ wenn in der Welt etwas vorgefallen ist – aber nur maximal so schnell wie die erste News-Seite im Index die der Crawler absucht. Es ist aber nicht nur das Defizit keine Content-Produzenten im Haus zu haben – es ist auch die ganze Verleger-Kultur die Google komplett abgeht. Und das heisst mehr als es in der aktuellen Krise den Akteuren vielleicht scheinen mag. Denn was bedeutet eine Erfolgsstory wie sie Burda z.b. mit dem Focus gelandet hat für die Werbevermarktung? Natürlich, vermarktbare Reichweite erstmal. Vor allem aber haben die Burda-Leute damit bewiesen, dass sie es verstehen mit Content ein Produkt zu schaffen, aber auch eine Zielgruppe die es vorher nicht gab. Dieses Mysterium wird Google ewig verschlossen bleiben. Und natürlich wissen die Burda-Leute auch exzellent derartige Erfolge in gute Vermarktungserlöse münden zu lassen – auch wenn die aktuelle Krise da ein bisschen Schatten drüber gelegt hat.

Die eingeforderte Lösung über den Gesetzgeber erscheint mir ehrlich gesagt absurd.

Ich glaube vielmehr, dass die Verleger und Vermarkter dieser Welt Google auf Augenhöhe etwas entgegensetzen sollten.

Sie haben den besseren Content, das bessere Verständnis von Zielgruppen und die besseren Kontakte zu den Werbekunden. Und es ist ja wirklich so – ich gehe nicht online weil es Google gibt sonder weil es spannende Fahrberichte gibt wenn ich ein neues Auto kaufen will.

Die Herren müssten nur zwei Dinge endlich mal lösen wo Google Ihnen notorisch die ganze Zeit die Rücklichter zeigt.

Zum einen muss Content online als Netzwerk organisiert werden – auch in der Vermarktung. Es kann einfach nicht mehr funktionieren, dass es zig Vermarkter gibt die Ihre Portfolios gegenseitig abschotten und Ihre Verkaufsmannschaften getrennt auf die Agenturen loshetzen. So funktioniert das Netz nicht Herr Burda! Es muss möglich sein vermarkterübergreifend Zielgruppen zu buchen die sich durch Kontakt mit hochwertigem Content qualifiziert haben – egal ob dies nun bei Burda, Holtzbrinck oder G+J war. Natürlich müssen dafür Verrechnungsmodelle geschaffen werden um gewisse Asymmetrien bei den beteiligten Partnern auszugleichen. Aber dafür gibt es funktionierende Wege – und der Vorteil die Content-Macht endlich geordnet und in voller Breite auf die Strasse zu bringen überwiegt die Risiken einfach mal deutlich. Google hat immer auch durch Einfachheit und schlanke Prozesse gewonnen. Man wird nicht gegen sie gewinnen können wenn eine nationale Reichweite auf hochwertigen Auto-Umfeldern über 10 verschiedene Vermarkter zu verschiedenen Konditionen am besten noch per Fax geordert werden muss!

Zum anderen muss natürlich eine technisch adäquate Lösung her, denn Googles Algorithmen sind gut. Aber – und da sollten alle Verleger aufhorchen – im Bereich der Content-Vermarktung ist Google bisher alles andere als unschlagbar. Die kontextsensitiven Ad-Sense-Ads performen bestenfalls mittelmässig und die Technologie zu Ihrer Aussteuerung kann fast als antiquiert bezeichnet werden. Mit modernen Targeting-Systemen die elaboriertere Mechanismen zur Profilierung von Usern nutzen ist es heutzutage kein Problem deutlich intelligentere Aussteuerungsmechanismen anzubieten. Denn selbst die Interest based Ads die Google jetzt gestartet hat sind relativ primitiv in der Anlage – mechanische Zähler auf den Besuch von bestimmten Webseiten. Keine Anreicherung, keine Statistik, kein „predictive targeting“.

Mein Appell an Herrn Burda und die ganze Verleger-Branche lautet also: nutzen Sie Ihre Stärken, beseitigen Sie ein paar unnötige Barrieren und schlagen Sie Google mit besserer Technologie auf besserem Content!

Das wäre eine bedeutend coolere Antwort auf die Gefahr aus Mountain View als jegliche gesetztliche Regelung. Denn diese wird nur von begrenzter Dauer sein. Wenn es dagegen gelänge die Mechanismen die Google so erfolgreich gemacht haben (nämlich relevante Werbung anzuzeigen) auf hochwertigem Content unter der Federführung der Content-Produzenten auf die Beine zu stellen würde Google dort auf Augenhöhe begegnet wo sie so stark sind: mit einem guten, vielleicht sogar einem besseren Produkt.

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  1. Google AdSense jetzt für Targeting nutzbar!

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4 Other Comments

7 Responses to “Google kann man nur auf Augenhöhe schlagen”

  1. völliger schwachsinn was der burda von sich gegeben hat… die sollen nicht jammern immerhin bekommt burda in seinem verlagshaus ja 1 mio monaliche seo / google index clicks.. was will der denn ? jeder kleine webseiten betreiber wäre froh er hätte die power und würde 100000 clicks von google bekommen.. im fall burda können die den hals nicht voll genug bekommen und setzen die latte immer höher. so wie deren kosten durch parties etc. immer höher werden..
    also schad um den strom der benötigt wird, um den den mist von burda zu verbreiten..
    google hat ja selbst gesagt, über den index haben sie clicks verteilt im wert von 6 mrd. dollar…die verlage haben es doch selbst in der hand.. sollen sie halt eine freemium bereich daraus machen und alles hinter eine registrierung legen.. denke mal reichart, hebig und co reisen einfach zu viel durch die gegend…

    #5
  2. Herbert

    Was denn nun? Nach “Enteignet Springer” jetzt “Enteignet Google”. So klingt es doch fast aus den Häusern Burda und Springer.
    Sollen sie doch in der Vermarktung endlich einmal enger zusammenrücken und die digitale Havarie beenden, die Werber dazu zwingt, tausenderlei Onlineformate für die Websites zu entwickeln. Sie können doch auch sonst so gut Händchen halten, wie Döpfer in der Einladung zum „Springer-Tribunal” beweist: “Besonders freuen würden wir uns, wenn diejenigen Wettbewerber, die seinerzeit finanziell so großzügig waren, auch diesmal wieder einen kleinen Obolus zur Unkostendeckung entrichten würden.“

    This comment was originally posted on off the record – Blog für Marketing, Werbung und Medien

    #1141
  3. Die ganze Debatte ist mir unverständlich. Zwar profitiert Google von den Inhalten der Verlage, aber wahrscheinlich weit weniger, als die Verlage von den Besuchern profitieren, die Google ihnen vorbei schickt.
    Google sitzt eindeutig am längeren Hebel. Ich würde nicht riskieren aus dem Suchindex gestrichen zu werden.

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    #1139
  4. Robert

    Warum stellen sich Verlagsmanager immer wieder die falsche Frage: Wie verhindern wir Wettbewerb und Weiterentwicklung?
    Sie sollten sich lieber fragen. What would Google do?
    Wäre der vielversprechendere Weg.
    Unter runter vom hohen Roß: Manager, die Targeting ablehnen, weil sie Zielgruppen mit Medienobjekten gleichsetzen, fallen nur vom Gaul.

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    #1140
  5. Mich hat die Forderung von Hubert Burda sehr befremdet. Ich hatte eigentlich den Eindruck, dass das Netz im Gegensatz zu vielen Verlegerkollegen versuchte zu verstehen.

    Nach meiner Meinung ist Google überhaupt nicht das Problem. Verlage bieten für möglichst viele verschiedene Redaktionen die Infrastruktur für den Vertrieb der Informationen. Sie sind in dieser Funktion zunächst mal nichts anderes als Handelsunternehmen. Durch geschicktes Wirtschaften erreichen sie eine flächendeckende Marktdurchdringung. Für die Käufer ihrer Produkte (aka Content) ist der Verlag dabei vollkommen irrelevant. Die Marke der Redaktion ist ausschlaggebend. Je klarer diese Marke desto höher die Kundenbindung.

    In den letzten Jahrzehnten haben die Verlage diesen Markenfaktor jedoch mehr und mehr ignoriert. Statt Positionen wurden einfach Informationen durchgereicht. Alle Redaktionen haben sich aus den gleichen Nachrichten-Pools bedient. Diese Entwicklung wurde durch das Netz lediglich befördert aber nicht eingeläutet.

    Wenn ich als Leser jedoch überall die gleichen Meldungen lese werde ich mich nicht mehr an einzelne Redaktionen binden. Und dann hat diese Zeitung/Zeitschrift auch kein Unterscheidungsmerkmal mehr im Verkauf der Werbeplätze.

    Das Internet hat dieses Problem noch verschärft. Denn, wenn sich alle Verlage unisono bei dpa und Reuters bedienen, gibt es für den Nutzer keinerlei Differenzierungsmöglichkeit mehr. Google ist wie ein großer Zeitschriften-Kiosk in dem alle Magazine gleich aussehen und alle irgendwo aufgeschlagen sind. Wenn dann noch überall das gleiche steht kann die Redaktion nur noch hoffen, dass sie keine loyalen Leser verliert. Gewinnen kann sie so keine neuen Leser.

    ps: Danke für Deine Artikel, sehr interessant!

    #8
  6. [...] haben ja schon früher in diesem Blog dazu aufgerufen, dass die Vermarkter aufwachen und kluge Gegeninitiativen starten sollten, anstatt über Google zu [...]

    #57
  7. […] das Thema “Google verwertet unsere Inhalte, macht damit Geld (und gibt uns nichts ab!)” (auch hier, hier und besonders schön hier, allgemeines Genöle auf heise.de) dargestellt wird. Aber wie gesagt, […]

    This comment was originally posted on off the record – Blog für Marketing, Werbung und Medien

    #1138

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