Die Kirche im Dorf lassen
Im Zuge der Wunderloop-Insolvenzanmeldung gab es eine ganze Reihe von aufgeregten Wortmeldungen, die gleich das gesamte Targeting von unabhängigen Dienstleistern auf Publisher-Seite am Ende sehen wollten.
Das ist natürlich Unsinn und die Eifrigkeit, mit der da bisweilen zu Werke gegangen wurde, könnte eher nahelegen, dass so manches andere Geschäftsmodell unter Druck steht derzeit – aber lassen wir das …
Jedenfalls muss man erstmal sagen, dass eine Insolvenz üblicherweise nichts über den Markt aussagt, in dem ein Unternehmen operiert, sondern in aller Regel auf innere Faktoren, also meist Management und Investoren, zurückzuführen ist. Das wird ja offenbar auch in diesem Fall selbst von Leuten so gesehen, die deutlich tiefer hineinschauen können als andere.
Tatsächlich ist es nämlich so, dass sich Targeting seit einigen Monaten in einem sehr substantiellen Wachstum befindet – und zwar so deutlich, wie wir es seit der Gründung von nugg.ad noch nie gesehen haben.
Zur Illustration mal eine Kurve der Targeting-Buchungen unserer Kunden über die letzten 15 Monate.

Wie man sieht, hat nach dem Sommer 2009 eine starke Aufwärtsbewegung stattgefunden, die nach einem leichten Jahresanfangsknick in 2010 fortgesetzt werden konnte. Im letzten Monat dieser Aufzeichnungen haben wir die höchste Zahl von Targeting-Kampagnen überhaupt registriert!
Da fällt es mir schon relativ schwer, ein Ende dieser Technologie zu erkennen.
Diesen Punkt kann man also getrost abhaken.
Nun wurde zum Ausgleich versucht, das Hohelied des Agentur-Targetings anzustimmen. Das ist ja auch richtig – Agenturen sollten am Targeting teilnehmen und alle Marktteilnehmer freuen sich, dass die Agenturen inzwischen den Wert derartiger Technologien erkannt haben. Ich halte es allerdings für einen groben Fehler, die Technologie-Hoheit jetzt einfach „auf die andere Seite“ herüber ziehen zu wollen, indem man sagt, Targeting sollte eigentlich bei der Agentur liegen. Weil es einfach nicht stimmt.
Targeting ist datengetriebenes Marketing und funktioniert dann am besten, wenn alle relevanten Daten ins Spiel kommen. Und Vermarkter haben eben sehr relevante Daten über die Kundschaft. Außerdem sind es ihre Webseiten, die das ganze Spiel überhaupt erst ermöglichen, weil User diese aufrufen und den Content konsumieren. Und man sollte bei der Gelegenheit auch immer mal wieder darauf hinweisen, dass es die Vermarkterseite war, die Targeting in Deutschland entwickelt und in den Markt gebracht hat.
Was mich allerdings am meisten aufregt an dem Gezetere der letzten Tage – neben der Tatsache, dass schon am Tag der Insolvenzanmeldung Kunden mit Auffanglösungen behelligt wurden – ist dieses Heruntergeschreibe, wie es vermutlich uns Deutschen irgendwie sehr zu eigen ist.
Da wird mit Begeisterung ein Anlass gefunden, das Thema – offenbar wider besseren Wissens – zu diskreditieren. Kein Wort über die große Leistung der Kollegen von Wunderloop, die über viele Jahre neben anderen dafür gesorgt haben, dass wir in Deutschland überhaupt so eine Technologie haben. Auch natürlich kein Wort über den feinen Unterschied, ob ein Unternehmen bereits vom Markt verschwunden ist oder eben Insolvenz beantragt hat. Der Unterschied ist nämlich erheblich, vor allem für die Kollegen, die jetzt – vielleicht unter neuem Management und neuer Eignerstruktur – versuchen Ihren Laden und ihre Idee zu retten und die Sache nicht aufgeben wollen. Selbst als Wettbewerber ist es ein Gebot der Fairness, den Kollegen diese Luft zu lassen und nicht schon Nachrufe zu schreiben, während in Hamburg noch um die Jobs gerungen wird.
Vor allem aber ist diese Haltung schädlich für unsere Branche. Jetzt haben wir es endlich geschafft– nach wirklich langen Jahren der Entwicklung, Evangelisierung, unzähligen Meetings, Vorträgen, Veranstaltungen, Case-Studies usw. – dass Targeting ein wirklich substantieller Business-Faktor im Online-Marketing geworden ist. Agenturen haben den Mehrwert verstanden und vermitteln diesen Ihren Kunden. Vermarkter haben Ihre Sales-Leute geschult und intelligente Produkte geschnürt, die Kannibalisierungseffekte vermeiden. AdAudience wurde gegründet – eine in der europäischen Verlagslandschaft bemerkenswerte und mutige Initiative.
All dies ist erreicht und das Rad hat begonnen sich zu drehen. Die Targeting-Buchungen nehmen seit Monaten deutlich zu und immer mehr Kunden sagen uns, dass Targeting mittlerweile unverzichtbarer Bestandteil und ein „Umsatzkatalysator“ ihres Geschäftes ist.
Für unsere Branche steckt in dieser Entwicklung eine große Chance, denn mittlerweile gelingt es immer besser Targeting nicht nur als Pseudo-Veredelung von Ramsch-Reichweiten sondern als state-of-the-art Steuerungstechnologie gerade auch für hochwertige Kampagnen zu etablieren. Es mehren sich die Targeting Buchungen der FMCG-Kunden (hier eine gerade erst veröffentlichte Case-Study mit Knorr). Mit standardisierten Zielgruppen und vermarkterübergreifender Steuerung stehen erstmals Möglichkeiten zur Verfügung, flächenweite Zielgruppenkampagnen in definierten Kontakt-Korridoren zu fahren – was uns immer gefehlt hat um die TV-Budgets substantiell anzugraben …
Und da sollten wir das Thema plötzlich runterschreiben? Weil ein Targeting-Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten ist? Ohne jede weitere Evidenz?
Dass der Aufbau von neuen Technologien nicht automatisch von Anfang an zu unkontrollierbaren Erlös-Strömen führt, dürfte aus vielen anderen Beispielen bekannt sein – doch Targeting richtig gedacht ist ein langwieriger Prozess, der einiges in der Branche verändern kann und wird. Und da sind wir schon sehr weit gekommen heute – aber auch noch nicht am Ziel.
Ich würde mich freuen, wenn wir deshalb die etwas kleinkrämerische „hab doch immer schon gesagt, dass das nicht funktioniert“ Haltung mal für ein paar Monate gegen die „Wow, welche Möglichkeiten stecken da für unsere Zukunft drin“-Haltung eintauschen würden.
No related posts.


Loading...
Habe mir jetzt doch mal ein paar Gedanken zur Situation des Targeting im Zus. der WL-Pleite gemacht http://bit.ly/cIyjuo #kirche #dorf
This comment was originally posted on Twitter
Die Kirche im Dorf lassen: http://bit.ly/9xyhJt #Targeting #PBT
This comment was originally posted on Twitter
Schöner Artikel von @holadiho zu Targeting und der Wunderloop Insolvenz – Die Kirche im Dorf lassen http://bit.ly/9xyhJt #targeting #nuggad
This comment was originally posted on Twitter
Die Kirche im Dorf lassen http://bit.ly/ajRqep #Klartext #Targeting
This comment was originally posted on Twitter
bin spät dran und so, aber dies ist ein sehr lesenswerter beitrag zum thema online-targeting: http://bit.ly/cIyjuo #nugg.ad #wunderloop
This comment was originally posted on Twitter
Schluss mit Grundsatzdiskussionen!
Ich kann Stephan Noller nur zustimmen: Targeting ist und bleibt eines der wichtigsten Innovationsthemen (s. dazu auch unseren Beitrag http://bit.ly/bkOPpp). Mit der schrittweisen Ablösung klassischer, umfeldbezogener Planungsmodelle hin zu profilbasierten Steuerungssystemen, werden wir uns alle eine ganz neue Qualität in der Zielgruppenansprache erschließen.
Leider ist die öffentliche Diskussion heute immer noch fast ausnahmslos eine Grundsatzdiskussion. Vermarktertargeting versus Agenturtargeting oder Predictive Targeting versus Re-Targeting. Viel zu selten sprechen wir über reale Kampagnen. Und damit über den wirklichen Kundennutzen. Dabei sollte uns allen eines klar sein: Am Ende entscheidet nur der wirkliche Effizienzgewinn.
Daher würden wir uns sehr freuen, wenn sich die Diskussion zukünftig stärker auf dieses Spielfeld verlagern würde statt weiterhin theoretische Grundsatzartikel ausschließlich argumentativ gegeneinander zu jagen.
Warum lassen wir nicht einfach Zahlen und Arbeitsbeispiele sprechen?
Guter Beitrag! Natürlich. Zum Thema Agenturen und Targeting kann ich aus eigener Erfahrung beisteuern, daß man denen dieses Thema auf keinen Fall überlassen sollte, auch wenn sie wahrscheinlich alle denken sie haben’s drauf. Einen Schmutz haben sie. Die meisten Agenturen haben nicht den blassesten Schimmer was diesen ganzen Bereich angeht. Ihre Arbeit Endet i.d.R. wenn die Webseite online ist. Was danach passiert interessiert nicht. Und wenn doch… dann ist Google Analytics schon das höchste der Gefühle.
In diesem Sinne: Rock on!
Die Kirche im Dorf lassen http://bit.ly/ajRqep
This comment was originally posted on Twitter
Das ist doch sehr scheinheilig: “Was mich allerdings am meisten aufregt an dem Gezetere der letzten Tage – neben der Tatsache, dass schon am Tag der Insolvenzanmeldung Kunden mit Auffanglösungen behelligt wurden.” Ich sage da nur “Bauer Media”.
Lieber PeterM, das ist mitnichten scheinheilig. Wir haben keine “Auffanglösung” angeboten, weder am Tag der Insolvenzanmeldung noch später. Dass die WunderLoop Kunden auf uns zukommen (so auch der genannte) können wir ihnen nicht verbieten – schliesslich stehen die ganz schön im Regen und dürfen jetzt nach Wochen totaler Unsicherheit überlegen wie es wohl weitergeht unter der amerikanischen Herrschaft.